29. April 2008

Die Alte Försterei pfeift aus allen Löchern

Wirklich aus allen Löchern? Einige Leute vom DFB behaupten dies jedenfalls, wenn man sie auf die Baufälligkeit des Stadions anspricht. Fest steht, unsere antike Arena könnte einige Verbesserungen, wie zum Beispiel ein Dach, eine stattliche Haupttribüne und ordentliche Spieler-Kabinen, vertragen. All dies könnte schon bald Wirklichkeit werden, denn mit dem Beschluss der Verantwortlichen von Stadt und Verein, die Spielfähigkeit für die 3. und auch für die 2. Liga zu garantieren, öffnet sich bei Abschluss eines Erbpachtvertrages, der kurz bevor steht, Tür und Tor der Alten Försterei für Investoren, die Gelder für die oben beschriebenen Erneuerungen bereitstellen wollen.

Der Verein hat die Weichen also in eine sehr gute Richtung steuern können. Die Stadionfrage geht weit über sportliche Fragen hinaus. Dürfte Union nicht mehr in der AF auflaufen, ist es völlig belanglos, ob nach dem 36. Spieltag die 2. oder die 3. Liga erreicht worden ist. Insofern wurde das übergeordnete Problem erfolgreich gelöst. Der Verein wirkt seriös, zielstrebig und lässt die Zukunft rosig aussehen.

Herrschte also eine ganze Weile Unruhe und Ungewissheit im Unioner, wenn er die Alte Försterei zu Heimspielen betrat, kehrte nun Befriedigung, Sicherheit, Stolz und eine Erwartungshaltung ein, da die Stadionfrage gelöst werden konnte. Man dachte: es geht voran, denn schon bald wird die AF bautechnisch gesehen nicht mehr aus allen Löchern pfeifen. Da nahm man dann auch wohlwollend das ein oder andere Remis hin. Zumal sich die Tabelle nicht unwesentlich änderte, weil auch die Aufstiegs-Konkurrenten regelmäßig patzten.

Aber, auch, wenn man schon etwas betagter ist, und einen Hör-Schaden hat, konnte man es am Samstag gegen Cottbus II ganz deutlich vernehmen, das Pfeifen in der Alten Försterei. Diese Pfiffe kamen jedoch nicht aus den maroden Traversen selbst, sondern von denjenigen, die sie bevölkerten, den Union-Fans. Könnten aber die Pfiffe des Stadions und die Pfiffe der Fans zusammenhängen?

Eines ist klar, ein ungeschriebenes Gesetz in der Union-Welt lautet: wenn Fans anderer Vereine pfeifen, brüllt der Unioner umso lauter „Eisern Union!“. Pfiffe galten in der Alten Försterei stets nur dem Gegner. Diese Grundregel hielt bis zum 26.04.2008, als die Pfife der Fans eindeutig den eigenen Spielern galten. Wie konnte es dazu kommen?

Die Rückrunde lief blendend, Union war lange ungeschlagen. Natürlich weiß man als Fan, dass diese Serie reißen wird, aber vor jedem Spiel sagt man sich: nicht heute und nicht hier. Lange hielt sie dann tatsächlich auch an, Union holte auswärts die nötigen Punkte, was die Erwartungshaltung vor jedem Heimspiel weiter anstiegen ließ. Dann häuften sich jedoch die Unentschieden vor eigener Kulisse, die Erwartungshaltung wurde jedes Mal wieder enttäuscht und hinzu kam eine Auswärts-Niederlage in Bremen, bei der die Mannschaft eine unterirdische Leistung zeigte. Das Fass zum Überlaufen brachte dann die Niederlage gegen Cottbus II.

In der Geschichte Unions kam es nicht allzu oft vor, dass die Mannschaft so gute Rahmen-Bedingungen hatte, dass sie sich voll auf das Sportliche konzentrieren konnte. Lizenzentzüge und andere Dinge ließen das Sportliche in den Hintergrund rücken. Diese Saison ist es jedoch anders herum: Der Verein hat die Stadionfrage vorerst gelöst und auch eine solide Mannschaft in das Rennen um die 3. Liga geschickt. Außerhalb des Platzes gibt es also keine Baustellen, die die Mannschaft aus dem Konzept bringen könnte. Und was für die Spieler gilt, gilt für den Fan umsomehr. Er beschäftigt sich extrem mit fast allen Belangen des Vereins und nicht nur mit dem Sportlichen. Hat man sich also manchmal auf den Rägen gedacht, „die Mannschaft kann ja nichts dafür, sie geben ihr Bestes, die Vereinsoberen haben es mal wieder verbockt“, könnte nun der Gedanke aufkommen, „jetzt stehen wir schon mal wirtschaftlich solide da und dürfen auch in der nächsten Saison in der AF spielen und dann bekommt es die Mannschaft nicht hin, zu gewinnen, um weiterhin um den Aufstieg zu spielen!“ Und dieser Gedanke baute sich mit jedem Unentschieden weiter auf und äußerte sich dann beim Spiel gegen Cottbus II in Forme der Pfiffe.

Die lange Serie der nicht verlorenen Spiele und die erfreulichen Meldungen außerhalb des Platzes ließen eine Erwartungshaltung entstehen, die die Blicke auf das eigentliche Niveau der Mannschaft verklären ließen. Denn es ist schon fast eine Tatsache, dass in der Regionalliga Nord 10 Mannschaften auf Augenhöhe sind und das kleine bisschen Glück über Sieg oder Niederlage entscheidet. Es ist nur manchmal nicht zu glauben, dass die Mannschaft es wieder nicht geschafft hat, in der Tabelle vorzurücken, obwohl sie es selbst in der Hand hatte, weil die Konkurrenz verlor. Wenn jedoch der derzeit beste Abwehrspieler, Göhlert, und der derzeit beste Stürmer, Heun, ausfallen, wirkt dies in dieser unglaublich engen Liga eben besonders schwer. Der Aufstieg ist immer noch möglich, jedoch muss dafür auf dem Platz wirklich alles stimmen. Dafür brauchen wir die Stammbesetzung und das nötige Quentchen Glück. Dies ist aber nicht die Normalität, denn diese bedeutet im Fußball eben Verletzungen und Pfostenschüsse. Es wäre bei der Leistungsdichte der Liga für Union normal, im oberen Tabelldrittel zu landen, aber eben nicht ganz oben. Der Verein, der Verletzungen am besten kompensieren kann und das Glück auf seiner Seite weiß, wird aufsteigen. Die Pfiffe gegen Cottbus hinterfragten nicht das gesehene Spiel, sie werteten Aktuelles, ohne die Gründe zu berücksichtigen.