Ungewohntes erschien am Morgenhimmel. Die Sonne kam pünktlich zum Heimspiel durch die Wolken hindurch. Und doch schien sie trügerisch zu wirken, denn der Temperatur-Test der Köpenicker Luft wies missmutig auf eine Jacke hin. Auf dem Berg angekommen, war diese dann natürlich nur noch unnötiger Ballast, anscheinend verströmen die Latte Macchiatos der ganzkörpersonnenbebrillten, schwanzeinquetschendenröhrenjeanstragenden Kastanienallee-Cafe-sitzenden-Schwaben-Elite so viel Hitze, dass es auf dem Berg heißer ist, als im unschuldigen, reinen Köpenick. Nur mal so kurz am Rande: Es gibt sehr schöne Ecken im Prenzlauer Berg, aber die Kastanienallee und leider auch der gute, alte Kollwitzplatz sind aber so was von in falscher Hand, dass wir da dringend wieder Berliner Luft hinbringen müssen und das nachhaltig! Und damit meine ich keinen lauen Furz. Es kann ja wohl nicht sein, dass in einem der schönsten Stadtbezirke Berlins fast keine urigen Berliner zu finden sind.
Anyway. Whatever. Ficken.
Dass die Alte Försterei weiterhin schrecklich vermisst wird, hat sich heute an der Zuschauerzahl eindrucksvoll gezeigt. Letzte Saison gegen den gleichen, unwichtigen Verein namens Wuppertal kamen 7500 Zuschauer, dieses Mal waren es 2000 weniger und das trotz Ferien-Ende und bestem Wetter. Und ich wage zu bezweifeln, dass diese 2000 Zuschauer letzte Saison nur gekommen sind, um dem Herrn Saglik beim Fußballspielen zuzuschauen. Der spielt jetzt übrigens erfolgreich in Wolfsburg (3x eingewechselt, 3 Tore geschossen).
Noch vor Spielbeginn gab es die erste Möglichkeit, angeregt zu diskutieren. Tusche rückte für Bönig in die Mannschaft, Mac gab den 6er und unser Freistoßspezialist mit dem leicht untersetzen Laufstil durfte sich nominell auf der rechten Außenbahn austoben. Bönig hatte sich in den vergangenen vier Partien nichts zu Schulden lassen kommen, im Gegenteil, er war eigentlich immer Herr der Lage und somit überraschte es schon, dass Trainer Neuhaus ihn aus der Mannschaft nahm. Bönig muss sich wahrscheinlich mit den veränderten Ansprüchen an die zentrale, defensive Mittelfeldposition auseinander setzen: Es reicht nicht, den Ball zu erobern, Laufwege des Gegners zuzustellen und die Abwehr zu unterstützen. Heute wird zusätzlich vom 6er verlangt, dass er auch offensive Akzente setzen kann, sprich ein wichtiger Faktor in der Spieleröffnung ist. Von der Anlage her, hat Mac das Potenzial, diese Rolle auszufüllen. Aber auch Bönig ist durchaus in der Lage, sich in dieser Hinsicht zu verbessern, so dass ein gesunder Konkurrenzkampf im Mittelfeld entstehen kann. Mac dürfte durch das heutige Spiel leicht die Nase vorn haben. Er rennt mittlerweile wirklich mit Leib und Seele für den FCU und hat dazu die Technik, um in brenzligen Situationen den Ball behaupten und dann schnell in die Offensive umschalten zu können. Top!
Dass wir noch am Anfang der Saison sind, haben die ein oder anderen Stellungsprobleme und Laufwegs-Irrungen unserer drei Kreativen Gebhardt, Dogan und Mattuschka bewiesen. Besonders Mattuschka brauchte, bedingt durch seine wenige Spielpraxis, lange, um ins Spiel zu finden. Manchmal standen sich die Drei zu dicht auf den Füßen, besser wurde es, als Dogan ausgewechselt wurde und sich die Räume für Tusche öffneten. Dies soll aber nicht gegen Dogan gewertet werden, denn dieser scheint wirklich ein 10er ohne Schnörkel zu sein – im Gegenteil: er wirkt geradliniger, einfacher und bodenständiger als viele seiner Artgenossen. Und genau das ist gut für die Anforderungen der Dritten Liga. Schön Spielen kannste auf der Playse.
Union kam eigentlich sehr gut ins Spiel. Die 11 roten Ritter Köpenicks wollten von Anfang an zeigen, wer Herr im fremden Hause ist. Wuppertal hielt jedoch dagegen und so entwickelte sich ein munteres Spiel, bis der Mann in Gelb Ego-Probleme bekam und auch mal ins Fernsehen kommen wollte. Da er sich nicht sicher war, ob nun dieses oder jenes Foul auch tatsächlich den Cut im Schneidewagen überstehen würde, pfiff er von nun an einfach jede Minute ein Foul. Und zerstörte somit das Spiel total. Ab der 20. Minute dümpelte es so vor sich hin, jede Minute ein Foul, jede Minute mindestens ein Einwurf. Union ließ sich von dieser unsouveränen Leitung anstecken und ergab somit zusammen mit Wuppertal einen Mixer, dessen Umrührgeräte fast unzertrennbar ineinander verwoben waren. Es ging weder wirklich nach links, noch nach rechts, sondern immer nur ein kleines Stückchen hin und her, hin und her, immer wieder hin und her, aber niemals in den Strafraum. Der einzige Lichtblick dieses frustrierenden und auch ermüdenden Hickhacks war unser neuer linker Läufer, Patrick Kohlmann. Schon in den ersten vier Spielen konnte man erahnen, dass dieser ein Gewinn für die Mannschaft sein könnte, heute bewies er endgültig, dass mit ihm ein wirklich frischer Wind auf die Außenbahn eingezogen ist. Das Wort ‚Läufer’ trifft perfekt auf ihn zu. Who the fuck is Marcel Jansen? Kohlmann spielte Wuppertal schwindelig und ließ auch in der Defensive nichts zu. Zudem spielte er eigentlich für Zwei, denn, so leid es mir tut, Papa Gebhardt hatte heute nicht seinen besten Tag und nahm sich eigentlich eine 70 minütige Auszeit. Aber, aber, kein Problem, schlechte Tage seien jedem mal vergönnt.
Werden diese schlechten Tage jedoch zu schlechten Wochen, dann könnte es kritisch werden. Ach.. apropos. Kommen wir kurz zu Patsche. Unserem Unioner. Sein Spiel heute kann man leider, leider nicht als Verbesserung zu den vorangegangenen Auftritten werten. Am Anfang zeigte er unbändigen Einsatzwillen, doch zu schnell ließ er nach, lamentierte, zögerte, entschied sich oft für die falschen Aktionen und hemmte das zielgerichtete Spiel seiner Mannschaftskollegen. Dann kam der Elfmeter und alles hätte mit einem Pinselstrich übertüncht worden können, doch leider war die Hand des Künstlers nicht ruhig genug und der Strich ging über das Bild, über den Rahmen, hinaus auf die Arbeitsplatte. Dabei hatte er den Keeper schon in die falsche Ecke verladen, doch dann siegte der Größenwahn über die einfache, schmucklose Variante, die er noch gegen Burghausen eine Woche zuvor gewinnbringend einsetzte.
Aber eigentlich hatte der FCU einen zweiten Elfmeter bekommen, nicht vom Schiri, sondern von Gebhardt. In seiner besten Aktion ließ er einen Wuppertaler stehen, ging runter bis zur Grundlinie und legte mustergültig für Tusche, der eigentlich bekannt ist für seine Schusstechnik, auf. Dieser verzog jedoch höllisch. Der Ball segelte in Richtung des leeren Gästeblocks (hallo, Wuppertaler, ihr dürft nach Berlin kommen und habt keine Lust?).
Es war also, wie es schon so oft bei Union gekommen ist. Am Ende richten sich unsere Innenverteidiger die Liegestühle ein, unsere Offensive drückt, drückt, drückt. Und drückt vergeblich. Wir Fans fluchen, schreien, raufen, fragen uns: warum hat er das nicht so oder so gemacht und sind am Ende des Tages doch glücklich, gemeinschaftlich verzweifeln zu dürfen. Zusammen mit den 5000 Anderen, zusammen mit der Mannschaft, zusammen mit den Trainern, zusammen mit der Seele dieses Vereins. Gewinnen ist doch langweilig. Nur der Schmerz lässt sich wirklich fühlen und an Träume weiter glauben. Denn eines Tages… da wird der Heuner wieder auf den Platz kommen, auf den saftigen Platz in der Wuhlheide, und wird euch alle mit dem Ball ins Tor schießen.

