Seine Mutter wusste angeblich bereits kurz nach seiner Geburt, welche Profession ihr noch an der Nabelschnur hängender Sprößling eines Tages ausüben würde: Fußballer sollte er werden und demzufolge gab sie ihm einen Namen, der nach Südamerika und allen damit verbundenen Assoziationen klingt. Santiago, ein Name, hinter dem man eine Frohnatur und einen technisch starken Spieler vermuten kann. Das Den Haager Krankenhaus, in dem Santiago das rauchschwadendurchsetzte niederländische Licht der Welt erblickte, ist nur einen Steinwurf vom Internationalen Gerichtshof entfernt. Auch Interpol hat seinen Hauptsitz in Den Haag. Kein Wunder also, dass seine Mutter, umgeben von all den grauen, undurchsichtigen Institutionen, ein bisschen Tchatchatcha in ihr Leben bringen wollte. Santiago was born und sei es nur, damit sie eines Tages mit ihm nach Chile fahren kann...
Nun ist er zwar nicht in Santiago de Chile gelandet, aber zumindest im Berliner Osten, der, seien wir ehrlich, auch viel schöner als Lateinamerika ist. Und das doch tatsächlich als Fußballprofi, seine Mutter hatte also Recht mit ihrer Prophezeiung! Aber so richtig angekommen ist er wohl noch nicht. Weder auf, noch neben dem Platz. Zuletzt setzte ihn eine Einblutung in der Wade außer Gefecht und bescherte ihm einen schönen Heimaturlaub. Man sagte mir jedoch, eine solche Einblutung sei auf keinen Fall mit einem herkömmlichen Pferdekuss zu vergleichen. Das tut schon doch wesentlich mehr weh..
Auf dem Platz stellte sich schnell heraus, dass er den von vielen Fans sehnlichst herbeigewünschten sogenannten 10er nicht geben kann, nicht geben will und dies wahrscheinlich auch nie vorhatte, schließlich spielte er bei seinem letzten Verein, Vitesse Arnheim, als hängende Spitze. So richtig scheint Trainer Neuhaus nicht zu wissen, auf welcher Position er den frisurtechnisch beschlagenen Techniker einsetzen soll. Zuletzt lief er gegen Osnabrück als rechter Mittelfeldspieler auf den "Rasen". Leider wirkt er meist wie ein Fremdköper in diesem doch nur über den Kampf ins Spiel findenden Kollektivs. Trotzdem hat er in seinen wenigen Einsätzen bereits vier Tore geschossen, darunter auch den historischen Ausgleich im Heimderby. Und vier Tore sind für einen Union-Spieler diese Saison durchaus eine beachtenswerte Ausbeute. Woran liegt es also, dass mir dieser Spieler auf dem Feld meist so vorkommt, als würde er gedanklich gerade an der Copacabana Autogramme geben, wohl doch an seinem Namen? Wahrscheinlich ist es einfach meiner Gewohnheit geschuldet, 10 kleine Gattusos auf dem "Rasen" der AF zu sehen (und dazu einen Seaman im Tor), und keinen Spieler, der sich eben nicht über den sturen Kampf definiert, sondern durch spielentscheidende Einzelaktionen.
Es könnte einfach Pech sein, dass dieser gute Fußballer zu einem Zeitpunkt in der AF fußballzuspielen versucht, in der Union den Gesetzen des Fußballgottes (Aufsteiger im zweiten Jahr, kein Geld für Transfers, ja noch nicht mal Geld für ein Trainingslager) gehorchen und weiterhin den Acker bestellen muss, anstatt flüssig zu kombinieren. Jedoch wäre auch dieses Pech kein Zufall, denn Santiago stammt, wie sein Name sagt, von den Kolkraben ab, einem Singvogel aus der Familie der pechbehafteten Rabenvögel.
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