Der SV Werder Bremen ist neben dem FC Bayern München die beste deutsche Vereinsmannschaft des 21. Jahrhunderts. Auch, wenn der Verein aus dem Norden die letzte Saison nur auf dem 10. Tabellenplatz abschloss, hat sich mit dem Erreichen des UEFA-Cup Finals und dem Gewinn des DFB Pokals gezeigt, dass er daneben auch der beste Pokal-Verein der Liga ist. Etliche deutsche Nationalspieler befinden sich in seinen Reihen - Wiese, Fritz, Mertesacker, Frings, Borowski, Marin, Özil – die für hohe Qualität, sowie Erfahrung stehen. So gesehen hat Union das denkbar schlechteste Los gezogen.
Aber, aber, aber! Ein Underdog hat immer die Möglichkeit, den haushohen Favoriten mit Kampf und Leidenschaft ins Wanken zu bringen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass der Favorit den unterklassigen Gegner unterschätzt und ihn im Vorbeigehen besiegen will. Werder hat gestern eindrucksvoll gezeigt, wie man eine Sensations-Euphorie beim Underdog bereits im Keim erstickt. Union hatte sich vorgenommen, das Spiel so lange wie möglich offen zu halten, doch das erste Tor fiel bereits in der 12. Minute. Bis dahin hielten die Bremer den Ball konstant in ihren Reihen. Sie ließen Union keinen einzigen Angriff starten. Es sah teilweise aus wie beim Handball, wenn die eine Elf um den Strafraum der anderen herumkombiniert, ohne den Ball zu verlieren. Trotz der Bremer Überlegenheit basierte das erste Tor auch auf individuellen Fehlern: Parensen rutscht weg (was ihm öfter passierte) und Glinker ließ am kurzen Pfosten einen haltbaren Schuss passieren. Nach dem Tor, auf dem Weg zum Anstoss am Mittelkreis, sah man keinen Unioner in die Hände spucken – alle ließen die Köpfe hängen. Dies zeigt: Union ging mit zu viel Respekt und irgendwie auch einer Spur von Angst in das Spiel. Die Spieler wirkten wie gelähmt: Sie konnten weder ihr läuferisches noch ihr kämpferisches Potenzial abrufen. Im Mittelfeld stimmte die Zuordnung überhaupt nicht. Die Idee, mit einer Doppelsechs die Kreativität der Bremer zu unterbinden, ist sicherlich legitim, jedoch nicht, wenn man nicht die Spieler dafür hat bzw. nicht eingespielt ist. Peitz wirkte sehr, sehr unglücklich. Trotz seiner Größe konnte er wenige Zweikämpfe gewinnen, zudem war seine Fehlpassquote zu hoch. Mac wusste in der ersten halben Stunde nicht, wo er hingehört, so sah man ihn plötzlich, als wäre er ein Stoßstürmer, in die Spitze auf Tim Wiese zurennen. Auch Gebhardt spielte schlecht. Er genoß mehr oder weniger einen Freifahrtsschein und konnte sich im Mittelfeld nach Belieben tümmeln – so war er jedoch überall und nirgendwo – das Spiel lief völlig an ihm vorbei. Sahin pendelte zwischen linkem Mittelfeld und Außenstürmer hin und her und wirkte dabei wie eine Boje im Atlantik bei Sturmstärke 10. Hinzukommt, dass er sich nicht über den Kampf in ein Spiel hineinfressen kann, sondern eher von der einen, entscheidenden Aktion im Spiel lebt. So blieb er über die gesamte Spielzeit eine Fehlbesetzung. Trainer Neuhaus hat das kongeniale Abwehrduo Göhlert/Stuff gesprengt und den Kapitän Schulz an die Seite Göhlerts gestellt. War das 0:2 noch ein unglückliches Stocher-Tor nach einer Ecke, so war das 0:3 hingegen ein vermeidbares Tor, wenn sowohl Bemben, sowie Göhlert als auch Schulz sich vom schnell ausgeführten Freistoß der Bremer nicht hätten überraschen und überrennen lassen. Auch dies zeigt, dass Union im Kopf und somit auch in den Beinen nicht frisch war.
Uwe Neuhaus hat in der Vergangenheit fast alles richtig gemacht. Deshalb rechnete man zur Halbzeit eigentlich mit mindestens einer Änderung: Peitz runter, Dogan rauf und Formationswechsel zur Raute. Auch Sahin hätte durch Biran oder Moskito ersetzt werden können. Es geschah jedoch nichts. Borowski und Frings konnten weiterhin nach Belieben ihre Defensiv-Aufgaben vernachlässigen und fast auf eine Höhe zu Marin und Özil aufschließen – Union hatte ja niemandem im offensiven Mittelfeld, den sie fürchten mussten. Werder nahm sich nun zurück, man könnte auch sagen, sie schonten sich, und Union bekam durch ihre besten, Benyamina, Brunnemann und Mac, für etwa 10 Minuten etwas mehr offensive Spielanteile und kam sogar zu einer guten Chance, die Tim Wiese jedoch glänzend parierte. Nun wechselte Thomas Schaaf die Kreativen Marin und den gar nicht anwesenden Özil aus. Auch Union wechselte und nahm den platten Gebhardt raus und überraschend auch den spritzigen Brunnemann. Der Neuzugang Moskito zeigte sogleich, wie Kampf und Laufbereitschaft aussieht: Erst verlor er im Spielaufbau einen Ball, dann erkämpfte er ihn sich in der eigenen Hälfte zurück, indem er einen Bremer Spieler mit Leichtigkeit auf der Außenbahn überholte und ihm den Ball abnahm. Das Spiel verflachte nun jedoch zunehmend, da Werder den Spielbetrieb einstellte. Trotzdem schenkten sie Glinker noch zwei weitere Tore ein, wobei der in der letzten Saison tadellos agierende Torwart beim 0:5 wieder einen Ball in der kurzen Ecke durchließ.
Fazit: Union ergab sich kampflos und verunsichert ihrem Schicksal. Es ist leicht zu sagen, dass dies an einer falschen Aufstellung lag. Ich vermute ganz stark, dass auch mit einer anderen Formation eine Niederlage gegen die Bremer nicht abzuwenden gewesen wäre, jedoch hätte sich Union vielleicht etwas würdevoller aus der Affäre ziehen können.



